Jüdische Reisen mit viel Abstand

Großes Programm am Europäischen Tag der Jüdischen Kultur.

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Die Organisatoren: Monika Miklis und Carola Grasse (rechts). Foto: Gerhard Walser
Das Gebetbuch der Familie Schwarz Foto: Gerhard Walser

Das Leitthema Reisen, ausgerechnet in einer Zeit der eingeschränkten Reisefreiheit? Für die Organisatoren des Europäischen Tags der Jüdischen Kultur, an dem sich auch Emmendingen zum 20. Mal beteiligt, ein spannender und herausfordernder Gedanke. Das Jüdische Museum steht am Sonntag, 6. September, ganz im Zeichen der Tradition des „Jüdischen Reisens“. Das umfangreiche Tagesprogramm des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur bietet Vorträge und Führungen – immer auf Abstand.

Das diesjährige Motto des europaweit begangenen Tags war schon ausgewählt, bevor das Coronavirus das Leben veränderte, berichtet Carola Grasse. Die Vorsitzende des Vereins erinnert im Pressegespräch an die Grundintention, an diesem Tag den interessierten Besuchern eine Begegnung mit dem Judentum „in Geschichte und Gegenwart“ zu ermöglichen, zu Begegnungen und Gesprächen einzuladen und den Beitrag des Judentums für die europäische Kultur- und Geistesgeschichte zu würdigen. „Für uns in Emmendingen ist das immer ein ganz wichtiger Termin“, so Grasse, wenngleich die Pandemie diesmal klare Grenzen setzt: Das Programm nimmt darauf Rücksicht, Hygieneregeln und Abstandsvorschriften werden umgesetzt und die Vorträge finden wegen der begrenzten Raumkapazität nicht im Museum selbst, sondern im benachbarten Teschemacher-Saal des Simon-Veit-Hauses der Jüdischen Gemeinde statt. Die Gemeinde beteiligt sich diesmal nicht am Programm, ist aber Kooperationspartner wie der Fachbereich Kultur der Stadtverwaltung.

Der Tag der offenen Tür von 11 bis 18 Uhr im Jüdischen Museum wird beibehalten, doch immer nur vier Besucher pro Stockwerk dürfen gleichzeitig eintreten. Führungen sind in der Mikwe keine möglich, dafür gibt es am „Treffpunkt Schlossplatz“, dem Standort der ehemaligen jüdischen Synagoge, ab 14 Uhr Kurzführungen mit Informationen zur 300-jährigen Geschichte jüdischen Lebens in der Stadt Emmendingen mit der stellvertretenden Vorsitzenden Noemi Wertheimer und Carola Grasse.

Das Vortragsprogramm im Simon-Veit-Haus startet um 11.30 Uhr mit einem Gespräch zum Thema „Ein Rabbiner auf Reisen“ mit Yaakov Yosef Yudkowsky. Der Emmendinger Rabbiner, der im elsässischen St. Louis lebt und zeitweise auch im schweizerischen Basel arbeitet, schildert aus ganz persönlicher Sicht, wie ein „Wander-Rabbiner“ im Dreiländereck arbeitet. Auch die Betreuung der hiesigen jüdischen Gemeinde ist derzeit coronabedingt Einschränkungen unterlegen, es gab weniger Gottesdienste und nur unter strengen Auflagen.

Die Kuratorin des Museums, Monika Rachel Raija Miklis, widmet sich ab 15 Uhr „Kunstobjekten im Gepäck“ und lässt anstelle einer Führung in ihrem Vortrag Exponate aus dem Museum sprechen, die die Geschichte ihrer Reise erzählen. So wie die eines Gebetsbuchs, das, vom Scheiterhaufen der Pogromnacht gerettet, seinen Weg über Amerika wieder nach Emmendingen zurück fand. Oder die des jüdischen Heiratsvertrags von Eva und Rolf Wertheimer von 1953, der von Buenos Aires als Dauerleihgabe wieder nach Emmendingen gelangte. Sehenswert ist auch der Jugendstil-Pokal von Heinrich Weil, einem Emmendinger Synagogenrat und Gemeindevorsteher, der aus der Schweiz zurückkam – „einer unserer ganz besonderen Schätze“, schwärmt Miklis.

Abgeschlossen wird die Veranstaltung um 17 Uhr. Ursula Hellerich, Ärztin und Dozentin am Jüdischen Lehrhaus Emmendingen, stellt unter dem Titel „Neuland, Reisen in die Diaspora“ neue literarische Texte mehrerer Autoren vor. Darunter David Grossmann, israelischer Schriftsteller und Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Sandra Lüpkes, Justin Steinfeld und Helen Wolff.

„Wir sind sehr gespannt, wie das Programm wahrgenommen wird“, sagt Monika Miklis, die einen „Hunger nach Kultur“ registriert, den man gerne ein wenig sättigen wolle. Den Besuchern (maximal 20 pro Vortrag) empfiehlt sie, möglichst frühzeitig da zu sein. Ein kulinarisches Angebot, werde es aufgrund von Corona leider diesmal nicht geben. Das komplette Programm im Internet auf http://www.juedisches-museum-emmendingen.de.